Freitag, 1. August 2014

Ein Wunsch.

Einen Wunsch. Wenn ich einen Wunsch frei hätte... Ich würde mir wünschen, dass sie niemand mehr umbringt.

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Suizidalität ist nicht wirklich ein Thema, über das häufig und viel und ausreichend gesprochen werden würde. Dafür gibt es verschiedene Gründe. Zum einen äußern die Betroffenen ihre Suizidgedanken häufig nicht, teils aus Scham weil man so etwas ja nicht tut, teils weil sie sich diese Option einfach offen halten möchten und befürchten an der Durchführung gehindert zu werden. Zum anderen weiß die Umwelt auch nicht wie man mit Suizidgedanken oder der Suizidalität einer nahestehenden Person umgehen soll. Es macht Angst. Da steht auf der einen die Sorge, dass es jemandem so schlecht geht, dass er daran denkt sich das Leben zu nehmen, und auf der anderen Seite ein Stück weit Hilflosigkeit, weil man gar nicht weiß wie man damit eigentlich umgehen soll. Aus Hilflosigkeit entsteht Angst. Angst dass sich dieser nahestehende Mensch wirklich etwas antut und man nicht helfen konnte.

In meiner Arbeit in der Psychiatrie werde ich jeden Tag mit Suizidgedanken und Suizidalität, mitunter auch mit suizidalem Verhalten konfrontiert. Ich habe dabei noch keinen einzigen Patienten erlebt der tatsächlich tot sein wollte. Jeder einzelne will dass sich die derzeitige Situation ändert. Sei das nun die tatsächlich aktuelle Lebenssituation, oder seien es die quälenden Erinnerungen an eine belastende Vergangenheit. Die Betroffenen haben bis zum Punkt an dem sie an Suizid denken, alles in ihrer Macht stehende getan um ihre Situation zu verändern. Sich ein lebenswertes Leben aufzubauen. Sie sind dabei aber aus den verschiedensten Gründen gescheitert. Was dann noch übrig bleibt scheint eine logische Schlussfolgerung: "Mir kann keiner helfen, das wird sich nie ändern und ich will das keine Sekunde länger ertragen." Wie dann mit den Suizidgedanken umgegangen wird ist unterschiedlich. Viele haben zunächst einmal Angst vor ihren eigenen Gedanken, andere gewöhnen sich irgendwie daran und lernen damit umzugehen und wieder andere empfinden ihre Suizidgedanken als trostspendend, da sie wissen dass ihnen diese Option immer offen steht. Viele quälen sich lange Zeit allein damit rum, bevor sie jemandem davon erzählen. Eben weil sie sich schämen dafür, dass sie ihrem Leben ein Ende setzen wollen, weil sie sich schämen dafür nicht anders mit ihren Problemen umgehen zu können. Keinen anderen Ausweg zu wissen. Und häufig auch weil sie andere nicht belasten wollen. Weil wir in unserer Gesellschaft scheinbar auch lernen, dass wir unsere Probleme möglichst allein lösen sollen und niemandem zur Last fallen sollen.

Dann gibt es da noch den Unterschied zwischen Suizidgedanken und tatsächlich suizidalen Handlungen. In der täglichen Arbeit sind wir bemüht mit den Patienten möglichst offen über Suizidgedanken zu sprechen und Absprachen zu treffen mit denen beide Parteien umgehen können. In der Regel ist der Patient durch seine Suizidgedanken stark belastet und will diese loswerden. Und wir wollen mit dem Patienten einen anderen Weg zur Bewältigung der problematischen Situation finden. Ein suizidales Verhalten beschreibt das Ausführen von Handlungen die mit suizidaler Absicht ausgeführt werden. An dieser Stelle gilt es für uns, den Patienten zunächst daran zu hindern sich zu suizidieren und dann im weiteren Schritten auch wieder an anderen Strategien zur Bewältigung der problematischen Situation zu arbeiten.

Ich bin im Übrigen der festen Überzeugung, dass jeder einzelne sich über das Thema Suizid schonmal Gedanken gemacht hat. Auf die eine oder andere Art und Weise. Ich bin auch der Meinung dass man darüber tatsächlich offen reden sollte. Denn ich absolut davon überzeugt, dass kein einzelner sterben will, sondern seine Situation einfach nicht mehr länger erträgt. Und daran sollte man arbeiten. Die Situation zunächst erträglicher gestalten um darauf folgend ein lebenswertes Leben, ein erfülltes Leben zu gestalten. Ich wünsche mir also, dass sich keiner mehr suizidiert, sondern dass jeder die Hilfe erhält die benötigt wird um aus einer ausweglos scheinenden Situation ein neues angenehmes Leben aufzubauen. Weil ich weiß dass das geht.

Ein Suizid hinterlässt immer ratlose Gesichter. Weil keiner so genau weiß wie er damit umgehen soll. In meinem Umfeld gab es bisher 3 Suizide. Nur einer davon eine Patientin von mir. Ich konnte mit keinem so wirklich gut umgehen. Weil man sich immer überlegt, ob man nicht hätte etwas anders machen können. Auch wenn man rein rational genau weiß, dass es die Entscheidung einer Einzelperson war, an der man einfach nichts ausrichten konnte. Aber man weiß eben auch, dass diese Leute Hilfe hätten haben können. Das die Situation durchaus hätte geändert werden können.

7 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Hallo,

ich habe eine BPS und kann mich in Deinem Text so gut finden. Auch ich habe am Anfang nie über meine Suizidgedanken gesprochen, weil ich mich schämte. Andere müssen durch Kriege, Krankheiten etc sterben und ich will es "nur", weil mir mein Leben zu schwer erscheint. Nachdem ich versuchte, mir das Leben zu nehmen, musste sich was ändern. In der Psychiatrie habe ich gelernt, dass es für alles Wege gibt und inzwischen kann ich mit meinen Therapeuten offen über das Thema sprechen.

Liebe Grüße

kampfkeks hat gesagt…

Hey!

Freut mich zu hören dass du das jetzt offen ansprichst. Ich wünsche dir noch alles gute auf deinem Weg!

lg katha

Anonym hat gesagt…

Hallo Keks,

ich besuchte lange nicht deinen Blog. Ich finde, du hast dies treffend referiert.

Die bunten Pillen, die gegen einen - verbrämt ausgedrückt - Burn-Out helfen sollen, können auch bei jenen Gedanken helfen, die das Diesseits verkürzen sollen. Die männlicherseits wohl auftretende sexuelle Dysfunktion ist eine Nebenwirkung die Betroffene wohl gerne in Kauf nehmen.

Zu wenig ernsthaft des Themas wegen? Okay, ändert allerdings nichts an der Richtigkeit kundgetaner Meinung.

Suizidale Gedanken - ja, auch ich ahbe und hatte sie. Allerdings kommen sie bei mir nicht zur Ausführung, es ist ein Weg, sich mental enziehen zu können, der letzte Ausweg, der immer offen bleibt. Ein Gedankenspiel, dessen Durchführung mehr bedarf als ein hartes Los. Es hilft mir zB aber, Dinge nicht so ernst zu nehmen, die theoretische Möglichkeit, sich entziehen zu können. Sich verzuabsentieren, Notwendigkeiten und Widrigkeuiten finaler Art letztinstanzlich - als Gattungswesen Mensch - verneinen und ablehnen zu können.

Um es flappisug zu beenden: Alkohol hilft auch, vergrößert die Leber und blockt hinter einem Dunstschelier wohnend böses ab. SSRIs wirken im Grunde gar nciht anders :-)

In diesem Sinne: Guter Beitrag.

Grüße

Andreas

kampfkeks hat gesagt…

Hat Andreas!

Schön dass du so offen drüber sprichst. Ist ja eher selten. Auch in der (Pseudo)anonymität des Internets.

Alkohol hilft. Aber nur in dem Moment denke ich. Aber nicht nachhaltig. Im Gegenteil sogar. Alkohol verhindert den Abbau negativer Gefühle, oder überhaupt die Verarbeitung von Gefühlen. Dort wo man ohne Alkohol am nächsten morgen möglicherweise mit einer anderen Gefühlswelt aufwachen würde, ist diese nach dem Konsum von Alkohol noch die selbe. Aber Alkohol betäubt für den Moment. Das ist vermutlich der Grund für den Konsum in solchen Momenten.

Suizidale Gedanken.... Ich muss hier jetzt mal klugscheissen (auch wenn keiner Klugscheisser mag). Aber die gibt es nicht. Das wären ja Gedanken die suizidal wären, Gedanken die sich umbringen möchten. Der Mensch ist suizidal. Und der Mensch hat Suizidgedanken. Nicht aber suizidale Gedanken.

Aber unabhängig davon: Ja. Suizid ist die letzte Entscheidung die uns allen offen bleibt. Ob jeder einzelne soweit kommt, diese Option in Erwägung zu ziehen.... Mittlerweile bin ich davon überzeugt, dass jeder diese letzte Option mal in Betracht zieht. Aber möglich ist auch dass das nur eine verzogene Sicht der Realität ist, weil ich eben in der Psychiatrie arbeite.

Gretchens.Armee hat gesagt…

Hi du Liebe, ich würde mir auch weniger verzweifelte Menschen wünschen. Was mich immer wieder zu dem Gedanken bringt: Was kann einen Menschen derartig verzweifeln lassen...?
Besonders schlimm sind für mich die jungen Leben, die beendet werden. Soviel Hoffnungslosigkeit ist schwer zu ertragen; und es gibt viele Augenblicke, in denen ich mich unweigerlich frage, welche gesellschaftlichen Defizite da zu Tage treten...

Anonym hat gesagt…

Lieber Keks,

alle Wochen komme ich hier vorbei. Und ich finde, dass du grammatikalisch und semantisch sogar Recht hast. Es gibt keine Gedanken, die sich umbringen wollen. Obwohl, der große Bob Dylan wäre da völlig anderer Auffassung. Allerdings geht das ja,wie man hier liest, so völlig an deinem eigenartigen Musikgeschmack vorbei. :-P

Nur um eines klar zu stellen, ich steh' auf Brüste.

Ach, und Hany Meyer war ein großartiger Trainer.

Star Trek I hat Überlänge.

Und Star Wars VII mit dem ganz alten Harisson Ford als Han Solo - cineastisch ein Muss.

Ich warte dann mal auf dein "voll gut" für den Umtrunk in Heidelberg. :-P

Andreas



kampfkeks hat gesagt…

Gestern kam das Ergebnis: 2,3 Ist in Ordnung, damit habe ich gerechnet. ;) Also eher so semi-gut statt voll-gut.

Aber Umtrunk gerne trotzdem =)