Sonntag, 31. August 2014

Psycho vs. Homo.

"Psychische Erkrankungen könne man nicht wie etwa Homosexualität einfach outen"

Sagte irgendein intelligenter Mensch in diesem Artikel hier: http://www.stern.de/gesundheit/anti-stigma-projekt-ich-bin-in-therapie-na-und-2134348.html

Und offenkundig hat er keine Ahnung von dem was er da sagte. Eigentlich ging es um deutsche Kopie eines amerikanischen Projektes. Ziel des Projektes ist die Ent-Stigmatisierung psychischer Erkrankungen (-->
http://www.ichbinintherapie.psystudents.org), bzw. dem schlichten Besuch bei einem Therapeuten. Nun unterliegt die deutsche Webseite gerade einer rechtlichen Prüfung, ob das datenschutzrechtlich alles soweit unbedenklich sei und ob die Betroffenen die sich dort outen sich nicht selbst mehr schaden als anderen nützen. Aber das soll hier nicht das Thema sein.

Ich bin im verlinkten Artikel über eben diesen Satz gestolpert: "Psychische Erkrankungen könne man nicht wie etwa Homosexualität einfach outen"

Ich frage mich dabei ernsthaft ob dieser Person eigentlich jemand ins Hirn gekackt hat. Denn wenn das outing bezüglich der wieauchimmer gearteten Sexualität eines nicht ist, dann einfach. Und ich würde fast behaupten, dass es so einige Menschen gibt, für die das Outing als Schwuler oder als Lesbe sehr viel schwieriger ist, als zu sagen: Du ich bin gerade wegen Depressionen in Therapie.

Wenn ich mich an mein Outing erinnere war das alles andere als einfach. Ich habe mir in der Schule im Vorfeld viel anhören müssen, weil ich so spät mit meinem ersten Freund um die Ecke kam, den ich dann auch nur hatte damit endlich mal Ruhe ist. Später folgte noch ein anderer. Aber dennoch wusste ich dass das wohl nicht mein Weg ist. Aber durch das was ich mir in den Fluren und auf dem Schulhof habe anhören müssen hatte ich Angst. Ich sah ja überall, dass es nicht normal war. Dass über 'solche' anders geredet wurde. Und nicht zuletzt habe ich unabhängig von meiner sexuellen Orientierung doch auch einige unschöne Erinnerung an die Schulzeit. Das alles macht es nicht einfach. Ich habe viele Jahre drüber nachgedacht, habe das als Problem viele Jahre mit mir rumgeschleppt, bis ich es dann eines Tages endlich öffentlich formulieren konnte. Mit schwitzigen Händen und Angst im Nacken. Glücklicherweise unbegründet. Erstaunlicherweise freuten sich alle mit mir, dass ich es endlich gesagt hatte. Weil es eh jedem klar war. Und ich habe Glück dabei gehabt. Andere haben entweder keine Wahl weil sie durch dritte geoutet werden, oder sie machen nach dem Outing negative Erfahrungen. Müssen sich Beleidigungen anhören, erfahren körperliche Gewalt, werden von den Eltern vor die Tür gesetzt.

Und das Outing als Homo machst du nicht nur einmal. Das machst du ständig. Immer wieder. Und es gibt Situationen da ist es einfacher und es gibt Situationen da ist es deutlich unangenehmer. Es gibt Situationen da muss man sich dumme Sprüche anhören, wird dumm angemacht und blöd ausgefragt. Das sind Dinge die machen ein Outing nicht einfach. Weil ich keine Lust habe mich solchen Fragen zu stellen. Weil es sich auch schlicht und ergreifend nicht gut anfühlt diskriminiert zu werden.

Was mich also ärgert an der Aussage: Es impliziert dass ein Outing einfach wäre. Ist es aber nicht. Ich sage nicht dass es einfacher wäre sich für den Therapeutenbesuch zu outen. Ich sage aber auch nicht dass ein Homo-outing einfacher wäre. Ich sage: Beides kann schwierig sein. Beides ist vermutlich auch schwierig, da beides intime Themen sind, welche die Öffentlichkeit so gesehen erstmal nichts angehen. Aber nur dadurch dass man zeigt, dass es viele von einer Sorte gibt, scheint diese Sorte zur Normalität zu werden. Und wenn etwas zur Normalität geworden ist, dann ist ein Outing nicht mehr notwendig.

und nachfolgend noch ein 'ach so einfaches' Outing eines schwulen jungen Mannes:
http://www.n24.de/n24/Nachrichten/Panorama/d/5325278/outing-endet-in-katastrophe---und-wird-doch-belohnt.html



4 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Hallo Katharina,
du hast total Recht!

Das ist ja mal unglaublich. Was für ein Typ. Grrrr!

Er weiß wohl nicht, wie es einem dabei geht, dass einen die Leute immer noch schräg angucken, wenn man als Frau sagt, ich habe eine Freundin. Und sich ihren Teil denken.
Andererseits, bei all der Ignoranz und dem Nicht-Verstehen, die dieser Mensch aufweist, zeigt es vielleicht trotzdem, dass für ihn ein "Homo-Outing" offensichtlich so normal geworden ist, dass er sich gar nicht mehr vorstellen kann, dass die Betreffenden (bitte, nicht Betroffenen!), das oft ganz anders erleben (können).
Und das finde ich schon wieder gut - zeigt es doch m.E. einen gesellschaftlichen Trend!


Ach - ich steuere gerne meine Top-10-Outing-Stories bei:

1. Mein Bruder, als ich eine Affäre (!) mit einer Frau hatte zu meiner Mutter: Mama, wenn die beiden mal heiraten (!??) komme ich nicht zur Hochzeit.

2. Mein Bruder zu meiner Mama: Kannst du dir vorstellen, dass sie sie zu einer Familienfeier mitnimmt?

3. Meine Mama hat 3 Jahre gebraucht um ihren Geschwistern zu erzählen, dass ich eine Freundin habe. (Bei meinem Freund davor hat's 3 Monate gedauert. - Sie wollte es ihnen übrigens lieber selber sagen.)

4. Bevor meine Mama es ihnen gesagt hatte, hat sie 30 Nächte nicht geschlafen aus Angst gehabt, die Katoliken-Verwandtschaft wird nun täglich anrufen und sagen: Du weißt schon, dass sie in der Hölle braten wird.

5. Übrigens hat sie es ihnen überhaupt nur gesagt, weil ich mal so im Beisatz erwähnt habe, dass miene Freundin und ich vielleicht eiraten müssten, wenn ihr Visum nicht verlängert würde. Und dass es ja ziemlich lustig werden würde, wenn die liebe Verwandtschaft aus der Hochzeitseinladung von ihr erfahren würden. :-)

6. Meine Abteilungsleiterin hat mich um Hilfe gebeten bei der Wahl nach einer Kollegin - bei der Durchsicht der Bewerbungsunterlagen, fiel bei Lebensstand "verpartnert" auf, dass eine Bewerberin wohl mit einer Frau "verheiratet" ist. Die Abteilungsleiterin daraufhin (nachdem die Bewerberin ja schon andere "Macken" hatte): "Das auch noch?!!?" - Ich hatte schon häufiger mal was von "meiner Freundin" erzählt. Das hatte sie wohl nicht in Zusammenhang gebracht...

7. Reaktion von vielen Leuten darauf, dass ich nun nicht mehr mit meinem Freund sondern mit einer Frau zusammen bin: Und wie geht es ihm damit?

8. Freundin in der Schulzeit, als ich andeutete, dass ich in ein Mädchen verliebt sein könnte: Also wenn du lesbisch wärst, dann würde ich mich verfolgt fühlen. (Wenn ich zu solchen Leuten dann aber sage: Keine Sorge, also DU bist nicht mein Typ, dann sind sie aber meistens beleidigt. :-))

9. Überhaupt das ganze erst mit nem Mann, dann mit ner Frau zusammen - Ding: "Seit wann bist du lesbisch geworden?" "Äh, ich bin nicht lesbisch geworden." "Ach so, dann hast du jetzt erkannt, dass du schon immer lesbisch warst" - "Äh nee, das auch nicht."

10. Eine lesbische Freundin, als ich sagte, ich finde das ungerecht, dass es nur LSVD heißt (wo ist dann das B T I Q???): "Na, von dir wird ja nur die eine Hälfte diskriminiert!"

PST. Ach so, nicht zu vergessen, all die Hetero-Cis-Männer, die bei "ich hab ne Freundin" schon zu sabbern anfangen und wenn sie dann noch erfahren, dass du versuchst nicht in dichotomen Geschlechterkategorien zu denken, sondern dich in Individuen verliebst, nur noch ihre Dreier-Fantasie verwirklichen wollen...

...
Muss insgesamt sagen, als jemand, die sich viel privat im links-alternativen Spektrum bewegt beruflich im künstlerischen Bereich arbeitet, habe ich es wirklich gut!!! Weiß von Freundinnen zB bei der Polizei und anderswo, dass es ihnen sehr viel schlechter ergangen ist.

Vielleicht mag noch jemand ihre*seine Stories beisteuern?

Liebe Grüße
Alexandra

kampfkeks hat gesagt…

Ich muss ehrlicherweise sagen: Ich verstehe nicht viel von LSVD und noch weniger offenbar von BTIQ .... Von Cis-Menschen will ich gar nicht erst anfangen.

Soll doch jeder sein was er will. Ich blicke da nicht mehr durch. Facebook ha jetzt 60 Geschlechtsverständnisse zur Auswahl und ich weiß nur bei einem Bruchteil davon worum es sich da eigentlich handelt. Grundsätzlich ist mir egal wer oder was mir da Gegenübersteht. Ich finde es sollte keine Rolle spielen.

Ich finde es übrigens furchtbar wenn mir einer sagt, dass man sich in mich als Individuum und nicht in mich als Frau verliebt habe. Furchtbar.

lg katha

Anonym hat gesagt…

Hihi, ja, ist auch ein bisschen eine Gehirnsauce,. Trotzdem hilfts mir, mich nicht so sehr in Schubladen zu denken.#
...

Warum findest du das furchtbar, wenn sich jemand in dich als Individuum verliebt? Oder findest du es furchtbar, wenn sich jemand nicht in dich als Frau verliebt?

kampfkeks hat gesagt…

Hey!
Ja ich finde es eher furchtbar, wenn es um mich persönlich geht. Also wenn sich jemand nicht in mich als Frau verliebt. Was andere Leute so untereinander machen, ist mir ja deren Sache.

Aber grundsätzlich tu ich mich mit so ner Aussage schwer. Es fühlt sich für mich irgendwie so an, als müsse man einen Teil der Identität des Gegenüber ausblenden, sodass man ihn lieben kann. Andere würden mir jetzt vorwerfen, dass ich nur in festgelegten Geschlechtergrenzen denke. Aber ich denke halt, das Biologische und Soziale Geschlecht und die Geschlechtsidentität... das sind alles Bestandteile die zur Identität eines Menschen dazu gehören. Und wenn ich dann sage, dass ich das Individuum liebe, und mir das Geschlecht egal wäre, dann verleugne ich ja doch irgendwie Teile meines Gegenüber. Zumindest denke ich das so... Mag sein, dass andere kein Problem damit haben und glücklich sind damit. Ist dann ja auch gut. :)